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Icotrokinra: was das erste orale IL-23-Rezeptor-Peptid in Phase 3 gezeigt hat

Icotrokinra ist ein makrozyklisches Peptid, das den Interleukin-23-Rezeptor blockiert. Peptide dieser Art gelten als Wirkstoffe, die nur subkutan oder intravenös verabreicht werden können. Dieses wird einmal täglich als Tablette geschluckt. In der Phase-3-Studie ICONIC-LEAD, die Bissonnette und Kollegen 2025 im New England Journal of Medicine veröffentlicht haben, erreichten 65 % der Teilnehmenden in Woche 16 erscheinungsfreie oder fast erscheinungsfreie Haut, unter Placebo waren es 8 %.

Was Icotrokinra ist

Das Peptid trug in der Entwicklung die Kürzel JNJ-2113 und JNJ-77242113. Entdeckt wurde es gemeinsam von Protagonist Therapeutics und Johnson & Johnson, die weitere Entwicklung und Vermarktung liegt bei Johnson & Johnson. Chemisch ist es ein makrozyklisches Peptid: eine kurze Kette aus Aminosäuren, deren Rückgrat zu einem Ring geschlossen ist.

Das Ziel des Moleküls ist der Rezeptor für Interleukin-23 (IL-23). IL-23 ist ein Botenstoff, der die Entzündung bei Plaque-Psoriasis antreibt. Das Peptid bindet nicht den Botenstoff selbst, sondern seinen Rezeptor auf der Zelloberfläche und unterbricht so den IL-23-Signalweg. Die bisher verfügbaren Wirkstoffe gegen diesen Signalweg, etwa Guselkumab, Risankizumab und Tildrakizumab, sind Antikörper, also große Proteine, die subkutan verabreicht werden. Icotrokinra ist klein genug für eine Tablette. Der CHMP, der Fachausschuss der Europäischen Arzneimittel-Agentur, bezeichnete es in seiner Empfehlung vom Juli 2026 als erstes orales Arzneimittel, das am IL-23-Rezeptor ansetzt. In ICONIC-LEAD wurde es als Tablette mit 200 mg einmal täglich geprüft.

ICONIC-LEAD: die Phase-3-Studie in Zahlen

ICONIC-LEAD (NCT06095115) war eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Phase-3-Studie mit 684 Teilnehmenden ab 12 Jahren mit mittelschwerer bis schwerer Plaque-Psoriasis. 456 erhielten das Peptid, 228 Placebo. Beide primären Endpunkte wurden in Woche 16 erhoben. Die im NEJM veröffentlichten Ergebnisse (Bissonnette R et al., 2025):

  • IGA 0/1, erscheinungsfreie oder fast erscheinungsfreie Haut: 65 % unter Icotrokinra, 8 % unter Placebo
  • PASI 90, mindestens 90 % Verbesserung gegenüber dem Ausgangswert: 50 % gegenüber 4 %
  • PASI 100, vollständig erscheinungsfreie Haut: 27 % gegenüber unter 1 %
  • IGA 0: 33 % gegenüber 1 %

Alle vier Unterschiede erreichten p < 0,001. Ab Woche 16 wechselte die Placebogruppe auf das Peptid. In der Icotrokinra-Gruppe stiegen die Ansprechraten weiter: Laut der Topline-Mitteilung von Johnson & Johnson vom November 2024 lagen in Woche 24 74,1 % bei IGA 0/1 und 64,9 % bei PASI 90. Diese Woche-24-Werte sind Firmenangaben und stehen nicht im NEJM-Abstract.

Jugendliche waren mit 66 der 684 Teilnehmenden eine kleine Gruppe. Für diese Subgruppe, die auf Kongressen vorgestellt und von Dermatology Times berichtet wurde, lag IGA 0/1 in Woche 16 bei 84,1 % gegenüber 27,3 % und PASI 90 bei 70,5 % gegenüber 13,6 %. Bei 66 Personen beruhen diese Prozentwerte auf wenigen Fällen, und sie sind nicht Teil der NEJM-Publikation.

Unerwünschte Ereignisse bis Woche 16 meldeten 49 % der Teilnehmenden in beiden Gruppen. Am häufigsten waren Nasopharyngitis und Infekte der oberen Atemwege. Die Autorinnen und Autoren halten fest, dass längere und größere Studien nötig sind, um Nutzen und Risiko über die Zeit zu beurteilen.

Warum ein orales IL-23-Peptid als Tablette eine Besonderheit ist

Die meisten Peptide überstehen den Weg durch den Magen-Darm-Trakt nicht. Enzyme in Magen und Dünndarm spalten Peptidbindungen innerhalb von Minuten, und die Darmwand lässt Moleküle dieser Größe und Polarität kaum passieren. Deshalb werden fast alle Peptid- und Protein-Arzneimittel, von Insulin bis zu monoklonalen Antikörpern, subkutan oder intravenös verabreicht.

Icotrokinra löst das Problem über die Molekülstruktur statt über eine schützende Formulierung. Der geschlossene Ring macht das Molekül widerstandsfähiger gegen Proteasen und steifer, sodass es die Form behält, die zum Rezeptor passt. Die Plattform von Protagonist entwirft solche konformationell fixierten Peptide gezielt für die orale Gabe. Der Anteil, der nach dem Schlucken im Blut ankommt, bleibt trotzdem klein. Das Peptid muss seinen Rezeptor deshalb sehr fest und sehr selektiv binden, damit eine Tablette pro Tag reicht. Andere orale Peptide erreichen das Blut mit Hilfe von Absorptionsverstärkern in der Tablette, dieses verlässt sich auf das Molekül selbst. ICONIC-LEAD ist der erste Phase-3-Beleg, dass dieses Konzept bei einer häufigen Entzündungskrankheit klinisch funktioniert.

Was die Studie nicht beantwortet

  • Langzeitdaten. ICONIC-LEAD berichtet über 16 und 24 Wochen. Die NEJM-Autorinnen und -Autoren fordern längere Nachbeobachtung. Johnson & Johnson nennt für das ICONIC-Programm keine neuen Sicherheitssignale bis Woche 52, das ist aber eine Firmenangabe und keine begutachtete Publikation.
  • Vergleich mit anderen oralen Therapien. ICONIC-LEAD verglich nur mit Placebo. Die beiden ICONIC-ADVANCE-Studien verglichen zusätzlich mit Deucravacitinib, einem oralen TYK2-Hemmer. Laut Johnson & Johnson erreichten beide Studien alle wichtigen sekundären Endpunkte, die in Woche 16 und 24 die Überlegenheit gegenüber Deucravacitinib messen. Die genauen Zahlen sind Firmenangaben.
  • Vergleich mit einem Antikörper. ICONIC-ASCEND vergleicht das Peptid mit Placebo und mit Ustekinumab, einem subkutan verabreichten IL-12/23-Antikörper. Am 27. Oktober 2026 lagen aus dieser Studie keine veröffentlichten Ergebnisse vor (Johnson & Johnson, 18. März 2026).
  • Weitere Indikationen. Studien zu Psoriasis-Arthritis, Colitis ulcerosa und Morbus Crohn laufen, eine Zulassung dafür gibt es nicht.

Icotrokinra Zulassung: Stand in USA und EU

Geprüft am 27. Oktober 2026. Am 18. März 2026 hat Johnson & Johnson bekannt gegeben, dass die US-Arzneimittelbehörde FDA das Peptid unter dem Markennamen ICOTYDE zugelassen hat, für mittelschwere bis schwere Plaque-Psoriasis bei Erwachsenen und bei Patientinnen und Patienten ab 12 Jahren mit mindestens 40 kg, die für eine systemische Therapie oder Phototherapie infrage kommen (Pressemitteilung Johnson & Johnson). In der EU gab der CHMP am 23. Juli 2026 eine positive Empfehlung ab, die Europäische Kommission erteilte die Zulassung am 18. September 2026 (EMA, Icotyde). Preis, Erstattung und Markteinführung regelt jeder Mitgliedstaat selbst.

Einordnung für die Peptidforschung

Lange galt die Annahme, dass ein Peptid eine Nadel braucht. Unter den Rezeptor-Antagonisten ist Icotrokinra das bislang deutlichste Gegenbeispiel: aus Aminosäuren aufgebaut, einmal täglich geschluckt, mit Phase-3-Daten und zwei großen Zulassungen. Stabilität lässt sich heute in ein Peptid hineinkonstruieren, mit Makrozyklisierung, nicht natürlichen Aminosäuren und Modifikationen am Rückgrat als Standardwerkzeugen. Aus der Studie folgt außerdem, dass ein Peptid einen Zytokin-Rezeptor bei Patientinnen und Patienten blockieren kann, was bisher Antikörpern und zuletzt kleinen Molekülen vorbehalten war. Orale Peptide werden damit zu einer eigenen Klasse, weitere Kandidaten stehen in anderen Therapiegebieten in späten Studienphasen.

An Forschungspeptiden im Labor ändert das nichts. Icotrokinra ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel und wurde als solches zugelassen.

Fragen zur Studie und zur Zulassung

Ist Icotrokinra zugelassen?

Ja. Stand 27. Oktober 2026 ist es in den USA (FDA-Zulassung bekannt gegeben am 18. März 2026) und in der EU (Zulassung vom 18. September 2026) unter dem Markennamen ICOTYDE zugelassen, für mittelschwere bis schwere Plaque-Psoriasis bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren mit mindestens 40 kg. Für andere Länder gilt der Stand der jeweiligen Behörde.

Ist Icotrokinra ein Biologikum?

Nein. Die Biologika gegen Psoriasis sind monoklonale Antikörper, große Proteine aus Zellkulturen, die subkutan verabreicht werden. Icotrokinra ist ein deutlich kleineres makrozyklisches Peptid, das als Tablette geschluckt wird. Die EMA beschreibt es als erstes orales Arzneimittel am IL-23-Rezeptor, in Abgrenzung zu den Antikörpern gegen denselben Signalweg.

Wie unterscheidet sich Icotrokinra von Biologika gegen Psoriasis?

Biologika wie Guselkumab oder Risankizumab binden den Botenstoff IL-23 selbst. Das Peptid bindet den IL-23-Rezeptor auf der Zelle. Beide blockieren denselben Signalweg, das eine als subkutaner Antikörper, das andere als Tablette. ICONIC-LEAD hat beide nicht direkt verglichen. ICONIC-ASCEND, die Studie gegen Ustekinumab, hatte am 27. Oktober 2026 noch keine veröffentlichten Ergebnisse.

Wann ist Icotrokinra in Deutschland verfügbar?

Die EU-Zulassung gilt seit dem 18. September 2026. Ab wann es in Deutschland verordnet und erstattet wird, hängt von der Markteinführung durch den Hersteller und vom nationalen Preis- und Erstattungsverfahren ab. Einen Termin dafür hat Johnson & Johnson nicht genannt.

Was bedeuten PASI 90 und PASI 100?

PASI steht für Psoriasis Area and Severity Index, einen Score von 0 bis 72 aus Rötung, Dicke, Schuppung und betroffener Körperfläche. PASI 90 heißt, der Score ist gegenüber dem Ausgangswert um mindestens 90 % gesunken, PASI 100 heißt vollständig erscheinungsfrei. IGA ist das Investigator's Global Assessment auf einer Skala von 0 (erscheinungsfrei) bis 4 (schwer); IGA 0/1 steht für erscheinungsfrei oder fast erscheinungsfrei.

Gibt es Icotrokinra bei Peptidebio?

Nein. Es ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel und kein Forschungspeptid. Es ist nicht Teil unseres Sortiments und wird von uns nicht verkauft. Dieser Artikel ist ein Forschungs-Update zu einer veröffentlichten Studie.

Quellen

Dieser Artikel fasst eine veröffentlichte klinische Studie zusammen. Er ist keine medizinische Beratung. Icotrokinra ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel und nicht Teil unseres Sortiments.